Zukunft der Zuckerrübenproduktion in Europa

Datum des Artikels Dienstag, 12.04.2016

Bernhard Conzen im DLG-Newsletter über die bevorstehende Wende am europäischen Zuckermarkt…

Zukunft der Zuckerrübenproduktion in Europa

Von Bernhard Conzen
Präsident der Internationalen Vereinigung Europäischer Rübenanbauer (CIBE) und Vorsitzender des Rheinischen Rübenbauer-Verbandes (RRV)

 

Europaweit werden zurzeit Zuckerrüben gesät. Die anstehende Aussaat ist die letzte unter den Vorgaben der bisherigen Zuckermarktordnung mit Zuckerquoten und Rübenmindestpreisen. Auch wenn die Rüben des gerade beginnenden Vegetationsjahres noch einmal unter diesen kalkulierbaren Bedingungen produziert und abgerechnet werden sind die Rübenanbauer – gleiches gilt für die Zuckerunternehmen – gedanklich bereits voll mit der neuen Zeitrechnung, dann ohne Zuckerquoten und Rübenmindestpreise, beschäftigt. Das liegt nicht nur an der bereits jetzt beginnenden Anbauplanung für 2017, sondern an den landauf landab derzeit noch laufenden, oder jüngst abgeschlossenen Vertragsverhandlungen zwischen Zuckerunternehmen und Rübenanbauerverbänden. Überall galt bzw. gilt es für die Zukunft einen fairen Kompromiss zu finden zwischen der Forderung der Landwirtschaft nach auskömmlichen und wettbewerbsfähigen Rübenpreisen einerseits und den wirtschaftlichen Interessen der Zuckerunternehmen andererseits. Unsicherheiten auf beiden Seiten im Hinblick auf die künftige Situation am europäischen Zuckermarkt machen das Verhandeln schwierig. Niemand weiß genau, wie sich die Mengen- und Preissituation auf dem EU-Zuckermarkt ab 2017 verändert. Tatsache ist, dass sich der EU-Rübenzucker künftig mehr denn je gegenüber alternativen Zuckerquellen wie Importzucker oder Isoglukose (auch hier fällt die Quotierung weg) behaupten muss. Tatsache ist auch, dass durch den Wegfall der Zuckerquoten und der damit verbundenen Aufhebung der Produktionsbeschränkungen die Konkurrenz zwischen den europäischen Anbauregionen wächst. Und schließlich muss ebenfalls damit gerechnet werden, dass bei steigender innereuropäischer Zuckererzeugung zumindest temporär Preisdruck auf dem europäischen Zuckermarkt entsteht, der sich auch bei den Rübenpreisen wiederspiegeln dürfte. Damit wird auch die Luft für die Rübe im Wettbewerb der Feldfrüchte auf dem Acker dünner. Schwierige Rahmenbedingungen also für alle Beteiligten.

 

Dennoch geht man fast überall in der EU, und so auch in Deutschland, die anstehenden Herausforderungen mit viel Passion und Engagement an. Dafür gibt es gute Gründe. Bereits seit der letzten Zuckermarktreform 2006 wurden mit großem Erfolg auf dem Rübenacker wie in den Zuckerfabriken erhebliche Effizienzsteigerungen vollzogen. So steigen die Rübenerträge seit längerer Zeit stabil um ca. 2 bis 3 % pro Jahr. Das gesamte Anbausystem, angefangen von der Saat bis zur Feldrandlagerung und dem späterem Rübentransport wurde verbessert. In den Zuckerfabriken wurden die Kampagnelängen und Zuckererzeugungsmengen deutlich gesteigert und der Energieverbrauch gesenkt. Auf allen Ebenen arbeitet man nun an weiteren Optimierungsschritten, um im künftigen Wettbewerb zu bestehen. Das partnerschaftliche Verhältnis zwischen den Rübenanbauern und ihrem jeweiligen Zuckerunternehmen ist dabei von zentraler Bedeutung für den Erfolg. Die Wettbewerbsfähigkeit einer Anbauregion definiert sich sowohl durch die Leistungsfähigkeit des dortigen Rübenanbaus als auch durch die der ansässigen Zuckerfabriken. Nachhaltig erfolgreich wird man nur dort sein, wo beide Partner gut sind, und wo für beide Seiten auskömmliche Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Letztgenannte gilt es mit viel Augenmaß und auf Augenhöhe auszuhandeln. Die Beibehaltung des bisherigen Systems mit einem kollektiven Verhandlungsmandat der Rübenanbauerverbände für ihre jeweiligen Mitglieder gegenüber der Zuckerindustrie ist dabei von zentraler Bedeutung. Dieses System ist seit Jahrzehnten bewährt, gewährleistet eine gemeinsame Verantwortung und schafft Gestaltungsmöglichkeiten. Es wirkt stabilisierend, und das ist in diesen unsicheren Zeiten unverzichtbar.

 

Aber nicht nur die Zuckerwirtschaft muss ihre Hausaufgaben machen, auch die europäische Agrarpolitik ist gefordert, um eine nachhaltige Zuckerrübenproduktion in Europa zu gewährleisten. Sie muss für faire Wettbewerbsbedingungen innerhalb und außerhalb Europas sorgen. Dies betrifft u.a. die Frage gekoppelter Zahlungen in der EU und das Vermeiden weiterer Importzugeständnisse im Rahmen von Freihandelsabkommen. Und sie muss auch die Diskussion um das Lebensmittel Zucker sachgerecht und wissenschaftsbasiert begleiten.